Von Plus/Minus über Corsi bis zur Torwart-Analyse – alles erklärt
Eishockey war lange eine der letzten Mannschaftssportarten, die sich der Datenanalyse widersetzte. Das hat sich fundamental geändert. Seit dem Einzug von „Hockey Analytics" in der NHL und den großen europäischen Ligen wissen wir: Entscheidungen auf Basis von Zahlen führen zu besseren Ergebnissen – sowohl beim Scouting als auch bei der taktischen Ausrichtung von Teams.
Doch was bedeutet das für Amateur- und Jugendtrainer? Auch auf diesen Ebenen helfen Statistiken, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Welche Linie kassiert die meisten Gegentore? Wer trifft im Powerplay am häufigsten und wer verliert regelmäßig Faceoffs in gefährlichen Zonen? Dieser Guide erklärt alle wichtigen Metriken – von den Grundlagen bis zu den erweiterten Analytics.
Das Plus/Minus-Rating ist die älteste und am weitesten verbreitete Einzelspieler-Metrik im Eishockey. Ein Spieler erhält ein Plus (+1), wenn sein Team ein Tor erzielt, während er auf dem Eis ist. Er erhält ein Minus (-1), wenn das Gegnerteam trifft. Powerplay-Tore zählen dabei nicht.
Formel: Plus/Minus = Tore erzielt (bei Eiszeit) – Gegentore erhalten (bei Eiszeit)
Das Problem: Ein hoher Plus/Minus-Wert kann täuschen. Ein Stürmer, der ausschließlich mit der besten Linie eingesetzt wird, profitiert von der Qualität seiner Mitspieler. Umgekehrt kann ein starker Defensivspieler ein schlechtes Rating haben, weil er immer dann auf das Eis muss, wenn das Team unter Druck gerät.
Plus/Minus bleibt dennoch ein sinnvoller Ausgangspunkt – besonders wenn man ihn im Kontext anderer Metriken betrachtet.
Die wichtigsten erweiterten Metriken im Eishockey sind Corsi und Fenwick. Beide messen die Schussversuchsbilanz – also wie viele Schussversuche ein Team bei der Eiszeit eines Spielers unternimmt im Vergleich zum Gegner.
| Metrik | Was wird gezählt? | Typische Verwendung |
|---|---|---|
| Corsi For (CF) | Alle Schussversuche des eigenen Teams bei Eiszeit | Offensive Aktivität |
| Corsi Against (CA) | Alle Schussversuche des Gegners bei Eiszeit | Defensivbelastung |
| Corsi% (CF%) | CF / (CF + CA) × 100 | Spielkontrolle gesamt |
| Fenwick% | Wie Corsi, aber ohne geblockte Schüsse | Schussqualität |
Ein Corsi% über 50% bedeutet: Das Team hat bei Eiszeit dieses Spielers mehr Schussversuche unternommen als der Gegner. Das korreliert langfristig stark mit Siegen. Ein Spieler mit 55% Corsi% ist ein sogenannter „Possession Player" – er hilft dem Team, den Puck zu kontrollieren.
Fenwick unterscheidet sich von Corsi dadurch, dass geblockte Schüsse nicht gezählt werden – da ein gezielter Schuss, der geblockt wird, eine andere Qualität hat als ein verhinderter Versuch.
Torhüter werden durch spezifische Metriken bewertet, die ihre Leistung objektiv erfassen sollen:
Die Fangquote ist die grundlegendste Torwart-Metrik: Gehaltene Schüsse / Schüsse auf das Tor gesamt. Eine SV% von .910 bedeutet, dass der Torhüter 91% aller Schüsse gehalten hat. In der NHL liegt die durchschnittliche SV% bei etwa .908–.915; alles über .920 gilt als exzellent.
Die Gegentorquote gibt an, wie viele Gegentore ein Torhüter im Schnitt pro 60 Minuten Spielzeit erhält. GAA wird stark von der Defensive des Teams beeinflusst – ein Torhüter hinter einer schwachen Abwehr wird höhere GAA-Werte haben, auch wenn er persönlich stark spielt.
GSAA ist eine fortschrittlichere Metrik: Sie berechnet, wie viele Tore ein Torhüter im Vergleich zu einem „Durchschnittstorhüter" bei derselben Schussmenge verhindert hat. Ein positiver GSAA-Wert bedeutet, der Torhüter spielt über dem Ligadurchschnitt.
Nicht alle Schüsse sind gleich. Ein Schuss aus der Mittellinie ist statistisch weniger gefährlich als ein Schuss aus dem Slot. Moderne Analysen berücksichtigen daher:
Für Amateur-Trainer ist besonders die Schuss-Zonenanalyse wertvoll: Wenn dein Team viele Schüsse unternimmt, aber überwiegend aus ungefährlichen Positionen, ist das weniger wertvoll als weniger, aber qualitativ bessere Abschlüsse.
Die Time on Ice (TOI) – Eiszeit – ist ein direktes Abbild des Trainer-Vertrauens. Ein Spieler mit 22 Minuten Eiszeit bekommt deutlich mehr Verantwortung als einer mit 12 Minuten. Die Analyse der Eiszeit in Kombination mit Leistungsdaten ermöglicht optimierte Linien-Entscheidungen.
Analysiere für jede Linie separat: Wie ist der Plus/Minus während ihrer gemeinsamen Eiszeit? Wie hoch ist die Corsi%? Welche Linie erzielt die meisten Tore bei vergleichbarer Eiszeit? Diese Daten helfen dir, die produktivste Kombination zu identifizieren und in entscheidenden Spielphasen einzusetzen.
Im professionellen Hockey wird genau analysiert, welche Linien gegen welche Gegnerlinie aufgestellt werden. Wenn die stärkste gegnerische Linie gegen deine defensivstärkste Linie antritt, reduzierst du das Risiko – selbst wenn du dabei offensiv weniger produzierst.
Sondersituationen haben einen überproportionalen Einfluss auf Spielergebnisse. In der NHL fallen etwa 20% aller Tore in Über- oder Unterzahl.
Formel: Powerplay-Tore / Powerplay-Möglichkeiten × 100. Ein Wert über 20% gilt als gut; unter 15% deutet auf Optimierungsbedarf hin. Analysiere dabei: Woher kommen die Powerplay-Tore? Aus dem One-Timer an der blauen Linie, dem Slot, oder nach Rebound?
Formel: (1 − Gegentore im PK / PK-Möglichkeiten) × 100. Ein PK% von 80% bedeutet, dass das Team in 80% aller Unterzahl-Situationen kein Tor kassiert. Top-Teams in der NHL liegen bei 83–87%.
Datenbasiertes Coaching bedeutet nicht, das Bauchgefühl zu ersetzen – es bedeutet, Entscheidungen besser zu begründen und zu überprüfen. Konkrete Anwendungsfälle:
Viele Trainer glauben, erweiterte Statistiken seien nur für Profis relevant. Das stimmt nicht. Auch auf Amateurniveau helfen Daten, bessere Entscheidungen zu treffen.
Im Jugend-Hockey ist die Entwicklungsanalyse besonders wertvoll: Verbessert sich ein Spieler über die Saison? Nimmt die Schuss-Effizienz zu? Werden Faceoffs besser gewonnen? Diese Fragen können Eltern und Spieler motivieren und dem Trainer zeigen, wo gezielteres Training nötig ist.
Mit SmartHockey Apps kann auch ein Amateur-Trainer mit Tablet diese Daten in Echtzeit erfassen – ohne technisches Vorwissen, ohne Zusatzgeräte, ohne Abo.
Eishockey-Statistiken sind kein Selbstzweck. Sie sind ein Werkzeug, um das Spiel besser zu verstehen, Spieler gezielter zu entwickeln und Entscheidungen rationaler zu begründen. Wer auch nur einige der hier beschriebenen Metriken konsequent erfasst und auswertet, hat einen messbaren Vorteil.
Der Einstieg ist leichter als er klingt: Beginne mit Plus/Minus und Schüssen auf das Tor. Erweitere nach und nach auf Faceoffs, Eiszeit und Linien-Effizienz. Mit der richtigen App dauert die Erfassung während des Spiels keine Sekunde länger als ein Blick auf die Uhr.