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Torwart-Analyse: 12 Kennzahlen jenseits der Fangquote

Die Fangquote (Save Percentage, SV%) ist die bekannteste Torwart-Statistik – und gleichzeitig eine der irreführendsten. Ein Torwart mit SV% .915, der nur Schüsse von außen abwehrt, leistet deutlich weniger als einer mit SV% .905, der ständig in High-Danger-Situationen gefordert wird. Wer Torhüter wirklich bewerten will, braucht mehr Perspektiven. Dieser Artikel stellt 12 Kennzahlen vor, erklärt ihren Nutzen und zeigt, welche auch ohne Profi-Software erfasst werden können.

1. Save Percentage (SV%) – Basis und Grenzen

SV% = Gehaltene Schüsse / Schüsse gesamt. Liga-Durchschnitt in der DEL: etwa .910–.915. Der Wert ist leicht zu ermitteln, aber teamabhängig: Ein schwaches Defensivteam mit vielen Slot-Schüssen gegen macht den Torwart schlechter aussehen, als er ist. SV% ist deshalb immer im Kontext der Schussqualität gegen zu betrachten.

2. Goals Saved Above Expected (GSAx)

GSAx = Erwartete Gegentore (basierend auf xG) minus tatsächliche Gegentore. Ein GSAx von +5,0 bedeutet, der Torwart hat fünf Tore mehr gehalten, als statistisch erwartet wurden. Ein GSAx von -3,0 bedeutet, er hat drei Tore mehr kassiert als erwartet. Dies ist die präziseste Kennzahl für individuelle Torwartleistung, weil sie den Einfluss der eigenen Defensivstruktur herausrechnet.

Im Amateurbereich lässt sich GSAx vereinfacht schätzen: Schüsse aus dem Slot gegen zählen als „erwartete Tore" mit 0,17, Schüsse von der blauen Linie mit 0,04. Die Summe ergibt die erwarteten Gegentore; Differenz zur Realität = vereinfachter GSAx.

3. High-Danger Save Percentage (HDSV%)

HDSV% misst, wie viele Schüsse aus der Hochgefahrenzone (Slot und untere Bullykreise) der Torwart hält. Durchschnittlich werden etwa 15–20 % dieser Schüsse zu Toren. Ein Torwart mit HDSV% .820 liegt im Mittelfeld; .850+ ist Spitzenklasse. Diese Zahl sagt weit mehr aus als das Gesamtergebnis, weil sie gezielt das kritischste Segment bewertet.

4. Low-Danger Save Percentage (LDSV%)

Schüsse von außen, von der blauen Linie, aus spitzen Winkeln. Ein Ligadurchschnitt von .975–.985 ist normal; wer hier auffällig niedrig liegt, hat möglicherweise Konzentrationsprobleme in vermeintlich einfachen Situationen. Für Trainer: Analysiere, ob Gegentore aus Low-Danger-Zonen auf Unaufmerksamkeit oder fehlerhaftes Positioning hindeuten.

5. Rebound Control Rate

Wie oft hält ein Torwart den Puck sicher, statt ihn unkontrolliert abprallen zu lassen? Professionelle Torwarte kontrollieren ca. 60–70 % ihrer Schüsse sicher (kein Rebound). Rebounds führen direkt zu den gefährlichsten Folgesituationen. Schlechte Rebound-Kontrolle ist oft ein Technik-Problem: Zu flaches Pad-Winkel, falsche Handposition oder fehlendes „Puck-Absorbing" mit dem Fanghandschuh.

6. Lateral Movement Assessment

Die Fähigkeit, quer zu scramblen – also bei Querpässen im Slot schnell die Position zu wechseln. Wird in Trainingseinheiten durch den „Post-to-Post"-Drill gemessen: Zeit von einem Pfosten zum anderen in vollständiger Schutzposition. Ein gutes Ergebnis für Amateure: unter 1,2 Sekunden bei korrekter Technik. Defizite hier sind oft auf schwache Hüftflexoren und fehlendes T-Push-Training zurückzuführen.

7. Tiefe im Crease (Depth Management)

Zu tief im Tor stehen bedeutet größere Winkel für den Schützen. Zu weit vorne bedeutet schlechte Reaktionszeit und Anfälligkeit für Chips über die Schulter. Die optimale Tiefe variiert je nach Schusswinkel. Trainer können dies einfach messen: Schnurmarkierungen im Training, Videoanalyse aus der Seitenperspektive. Viele Junioren-Torwarte stehen 15–20 cm zu tief, was die Winkelabdeckung signifikant verschlechtert.

8. Screen-Situationen: SV% vor Screens

Schüsse mit Spieler davor sind für jeden Torwart schwerer. Der Unterschied zwischen Spitzentorhütern und Durchschnitt liegt oft hier: Gute Torhüter kommunizieren früh mit Verteidigern, suchen aktiv den Puck um den Screen herum und verlagern ihre Ausgangsposition bei erkennbaren Screen-Läufen. Trainer sollten Screen-Situationen explizit trainieren – mindestens einmal pro Woche in der Vorbereitung.

9. Five-Hole-Tendenz

Der Five-Hole – der Bereich zwischen den Beinschienen – ist bei vielen Torhütern die Schwachstelle, besonders nach schnellen Lateral-Bewegungen, wenn die Pads sich nicht komplett schließen. Schüsse, die den Torwart in Bewegung bringen und dann auf den Five-Hole abgeschlossen werden, sind für viele Amateur-Torhüter kaum zu halten. Analyse: Welcher Anteil der kassierten Tore geht durch den Five-Hole? Liegt er über 25 %, ist gezieltes Pad-Closing-Training angesagt.

10. Blocker/Glove-Asymmetrie

Fast alle Torhüter haben eine schwächere Seite. Eine Asymmetrie von mehr als 8 Prozentpunkten zwischen Fanghand-SV% und Blocker-SV% ist ein klares Trainingssignal. Gegner auf höherem Niveau erkennen solche Tendenzen schnell. Konkrete Übung: Schussserien ausschließlich auf die schwächere Seite, mit zunehmender Schussgeschwindigkeit und -variation.

11. Cold Start vs. Hot Goalie

Wie unterscheidet sich die Leistung in den ersten fünf Minuten eines Spiels von der Leistung nach 30 Minuten? Manche Torhüter brauchen 8–10 Minuten, um auf Betriebstemperatur zu kommen – statistisch erkennbar an erhöhter Gegentorquote in den ersten Minuten. Das lässt sich durch eine spezifische Warm-Up-Routine adressieren: mehr intensive Schussserien, mehr Lateral-Bewegungen, explizite Mental-Aktivierung vor dem Anpfiff.

12. Penalty-Shot-Performance

Penalty Shots enden in der NHL in etwa 32 % der Fälle mit einem Tor – im Amateur-Eishockey variiert diese Quote stark (20–45 %). Ein Torwart, der drei von fünf Penalty Shots hält, hat damit oft mehr zum Saisonefolg beigetragen als durch zehn weitere Fangquoten-Prozentpunkte im Spielbetrieb. Training für Penalty Shots: Analyse von Schützen-Tendenz (Forehand/Backhand, Tempo-Variationen), eigene Reaktions-Drills, Kommunikation mit dem Schützen durch Lesen der Hüften statt des Pucks.

Tracking-Methoden für Amateurtrainer

Nicht alle 12 Kennzahlen lassen sich gleichzeitig erfassen. Empfohlene Priorität für Amateurteams:

  1. SV% und HDSV% (realisierbar mit Shot-Map + Ergebnisprotokoll)
  2. Rebound Control Rate (visuell schätzbar, Videoanalyse hilfreich)
  3. Tiefe im Crease (einmal pro Trainingsblock mit Markierungen prüfen)
  4. Blocker/Glove-Asymmetrie (nach 5–6 Spielen auswertbar)
  5. Cold-Start-Tendenz (erste 5 vs. Rest der Spielzeit auswerten)

Selbst mit einem einfachen Notizbuch und einem aufmerksamen Assistenten lassen sich diese Daten zuverlässig erfassen. Die daraus entstehenden Erkenntnisse übersteigen den Nutzen jeder subjektiven Beurteilung nach dem Spiel.

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